Vor 65 Jahren wurde Niedersedlitz nach Dresden eingemeindet. Lange konnte die Gemeinde den Bestrebungen der Großstadt widerstehen, während die benachbarten Orte Leuben, Prohlis, Dobritz und Lockwitz längst ihre Selbständigkeit verloren hatten. Bei Recherchen im Stadtarchiv haben Mitglieder des Heimatvereins nun Ungereimtheiten herausgefunden, die die Legitimität der Eingemeindung nach Dresden im Jahre 1950 fraglich erscheinen lassen.

Unter dem Eindruck der zurückliegenden Kriegswirren konnte bei der Gemeinderatswahl 1946 die herrschende Partei der Arbeiterklasse die absolute Mehrheit auch im Niedersedlitzer Rathaus erlangen. Nun forcierten diese Gemeindevertreter, vom Zentralkomitee im fernen Berlin gesteuert, in den hintersten Amtsstuben in aller Verschwiegenheit die Angliederung von Niedersedlitz an Dresden. Zahlreichen Niedersedlitzern missfiel jedoch diese Geheimniskrämerei. Jeden Montag spazierten sie fortan deshalb unter dem Motto „Niedersedlitzer Einwohner Gegen Inszenierung Der Angliederung – (NEGIDA)" für mehr Bürgerbeteiligung beim Eingemeindungsprozess durch Niedersedlitz. Die Gemeindevertreter aber verweigerten weitgehend das Gespräch mit den Bürgern und meinten: „Wir haben die Wahl gewonnen, wir dürfen das." Das Zentralorgan im fernen Berlin berichtete unwissend und tendenziell über die Vorgänge und unterstellte, die Niedersedlitzer seien gegen den Wiederaufbau von Dresden. Zu einer dennoch arrangierten zentralen Bürgerversammlung „Bürgerdialog Eingemeindung" im Hinterzimmer der Gaststätte „Stadt Dresden" schickte die herrschende Partei der Arbeiterklasse ihre linientreuen Parteimitglieder. Schnell waren die wenigen Plätze im sorgsam gewählten Versammlungsraum belegt und die kritischen Bürger konnten nur von außen einer Rundfunkübertragung lauschen, ohne die Möglichkeit eigener Wortmeldungen. Ein eilig ins Leben gerufener Verein „proDresden" organisierte am nächsten Montag ein kostenloses Konzert unter dem Motto "Niedersedlitz für Dresden" mit einem beliebten Dresdner Gesangsquartett. Viele Niedersedlitzer wollten sich das nicht entgehen lassen und die Veranstalter interpretierten die zahlreichen Zuschauer als große Zustimmung für die Eingemeindungspläne.
So wurde die Eingemeindung bei der nächsten Gemeinderatssitzung beschlossen und Mitte des Jahres 1950 vollzogen. Hatte sich Niedersedlitz bis dahin als selbständige Gemeinde von einem kleinen Dorf rasch zu einem attraktiven und leistungsfähigen Industrie- und Wohnstandort entwickelt, so ging es in den Jahrzehnten nach der Eingemeindung bergab – Häuser verfielen; Fabriken wurden verschlissen; Kino, Gaststätten und Freibad geschlossen; Post, Bahnhof und Rathaus verkauft. Die Einwohnerzahl sank von einst über 8000 auf heute rund 5500.
Der Heimatverein will sich nun dafür einsetzten, die damals verweigerte Bürgerbeteiligung nachzuholen. Mitglieder des Vereins treffen sich deshalb heute mit dem amtierenden Bürgermeister von Dresden um die Details eines Bürgerentscheids zu besprechen. Zur anstehenden Bürgermeisterwahl im Juni sollen alle Niedersedlitzer Einwohner zusätzlich über den Verbleib als Stadtteil im Dresdner Stadtgebiet abstimmen können. Sollte sich die Mehrheit für eine Ausgliederung aussprechen, dann soll die Ausgemeindung von Niedersedlitz beantragt werden und im nächsten Jahr könnten bereits erste Wahlen zu einem neuen Niedersedlitzer Bürgermeister und Gemeinderat stattfinden.

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