18940331
... wurde die Niedersedlitzer Feuerwehr gegründet.

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„Feuer", „Feuer" schallte es knapp zwei Jahre zuvor, am 19. August, einem heißen Sommertag des Jahres 1892, durch das Dorf. Kinder liefen die Dorfstraße entlang und trugen den Ruf in die einzelnen Gehöfte. Auf den Kirchtürmen im benachbarten Lockwitz und Leuben wurde Sturm geläutet. Am Rande von Niedersedlitz stand die Mühle von Alwin Danckelmann lichterloh in Flammen. Aus den Nachbarorten eilten Helfer mit 15 Wasserspritzen herbei, auch die beiden Niedersedlitzer Löschgeräte waren im Einsatz. Trotz aller Mühe und ausreichend vorhandenen Löschwasser brannte der Mühle jedoch nieder.
Und Niedersedlitz hatte noch Glück gehabt. Hätte der Wind eine andere Richtung eingeschlagen, wäre der ganze Ort gefährdet gewesen.
Dabei waren die Voraussetzungen zur Brandbekämpfung gerade eben erst verbessert worden. Seit einiger Zeit war der Schlossermeister Karl Karras in Niedersedlitz ansässig. Seine Jugend hatte er in Freiberg verbracht und dort als Feuerwehrmann bereits Erfahrungen beim Feuerlöschen erlangt. Auf sein Betreiben hin wurde die alte Wasserspritze generalüberholt und in ihrer Funktion verbessert. Er veranlasste die Gemeinde, in eben jenem Jahr 1892 ein Gerätehaus und eine weitere vierrädrige Spritze anzuschaffen sowie eine Anzahl von Handwerksmeistern mit ihren Gesellen zu deren Bedienung zu verpflichten.
All dies hatte jedoch nichts genützt und so diskutierten die Einwohner in der Folgezeit über die Vorzüge einer freiwilligen Feuerwehr. Nach zahlreichen Beratungen und Debatten im Gemeindevorstand wurde in einer Einwohnerversammlung am 31. März 1894 die Freiwillige Feuerwehr Niedersedlitz gegründet. 31 Einwohner erklärten unverzüglich ihren Beitritt und wählten aus ihrer Mitte die erste Leitung der Feuerwehr. Das Kommando als Hauptmann erhielt der Schlossermeister Karl Karras. In den folgenden Monaten wurden die Mitglieder der Feuerwehr an der Spritze und dem neu errichteten Steigerturm ausgebildet und so konnte die Wehr noch im gleichen Jahr, am 31. Oktober zur Aufnahmeprüfung beim sächsischen Feuerwehrverband vorgestellt werden.

Der Lockwitzer Lokalanzeiger berichtete von diesem Ereignis am Reformationstag:
„Noch vor 12 Uhr mittags nahm die hiesige Wehr vor dem Gasthof Niedersedlitz Paradeaufstellung und deren Hauptmann Herr Schlossermeister Karras erstattete mündlichen Rapport. Hiernach begab sich die Feuerwehr nach dem festlich geschmückten Saale, wo dieselbe ein mündliches Examen abzulegen hatte, um zu zeigen, was sie in theoretischer Beziehung von der Spritze, ihren Zubehörungen und den verschiedenen Geräthen gelernt hat. Einen Glanzpunkt der Vorstellung bildeten die praktischen Übungen, zu welchem Zweck man nach dem Depot der Feuerwehr abrückte. Zunächst fanden Fuß-Exercitien statt, welche so vorzüglich gelangen, daß mancher alte Soldat seine Freude darüber hatte. Im weiteren Verlauf wurden mit großem Interesse die Uebungen der Steigerabtheilung am Steigerhause verfolgt. Den Schluß bildete ein sogenannter Sturmangriff auf das Steigerhaus. Nach dem Signal „Feuer im Ort" rückte die am Ende des Dorfes inzwischen mit ein paar feurigen Rappen bespannte Spritze nach der markierten Brandstelle. In 1 ½ Minute gab bereits das Strahlrohr in der Hand eines Steigers hoch oben auf dem höchsten Punkte des Steigerhauses im hohen Bogen Wasser. Im Gasthofe versammelte sich alsdann nochmals die Feuerwehr um die Kritik zu hören, welche volles Lob über das gesehene zu erkennen gab. Ein animierter Ball beschloß den Tag, welcher dem Orte und der Feuerwehr zur Ehre gereicht."

Ein Statut regelte fortan den Dienst in der Feuerwehr. Unter anderem hieß es dort:
„Zum Dienst gehört das Erscheinen bei Feuern, Übungen und Versammlungen. Feuerwehrleute, welche am Erscheinen gehindert sind, haben sich spätestens 24 Stunden nach verlangtem Dienst schriftlich zu entschuldigen und zugleich die Behinderungsursache anzugeben. Auf Erfordern ist der Behinderungsgrund auf Ehrenwort zu bestätigen. Jedes Mitglied hat in wie außer Dienst ein ehrenhaftes männliches Betragen, insbesondere im Dienst Nüchternheit, Pünktlichkeit, Ruhe, Gehorsam und Ausdauer zu zeigen. Tabakrauchen, Essen und Trinken im Dienst ist nur nach erteilter Genehmigung des Hauptmanns gestattet."
Außerdem wurde geregelt, dass das Kommando aller 2 Jahre neu zu wählen ist.

10 Jahre später feierte die Feuerwehr, unter reger Anteilnahme der Einwohner, ihr zehnjähriges Bestehen. In einer amtlichen Bekanntmachung riefen der Gemeindevorstand Müller und der inzwischen amtierende Feuerwehrhauptmann Robert Fischer die Bevölkerung auf:
„ Wir bitten sämtliche geehrte Einwohner unseres Ortes zur Teilnahme an diesem Feste, welches doch ein Fest der ganzen Gemeinde sein soll, zu betätigen durch äußeren Schmuck der Häuser mit Fahnen, Kränzen, Girlanden, Emblemen, Ehrenpforten oder dergl. Wir geben uns der angenehmen Hoffnung hin, daß die geehrten Einwohner von Niedersedlitz unserer Bitte nachkommen werden."
Die Feierlichkeiten begannen in den frühesten Morgenstunden um 5 Uhr des 26. Juni 1904 mit einem Weckruf einer Kapelle unter Begleitung der festgebenden Wehr. Um 8 Uhr begab sich die gesamte Wehr zur Kirchparade in das Leubener Gotteshaus. Ab 2 Uhr nachmittags trafen aus allen Himmelsrichtungen befreundete Feuerwehren aus den Nachbarorten am festlich geschmückten Gasthof Niedersedlitz ein. Nach einem Konzert im Garten des Gasthofes setzte sich gegen ½ 5 Uhr ein Umzug durch den festlich geschmückten Ort in Bewegung, an dem etwa 30 Wehren und Vereine teilnahmen. An der Spitze marschierte eine Abteilung der Niedersedlitzer Feuerwehr, der sich das Musikkorps und Festjungfrauen anschlossen. Auf geschmückten Wagen folgten die Ehrengäste, dann die Bruderwehren und Vereine. Das Ende des Zuges bildete die Wasserspitze mit einer weiteren Abteilung der Niedersedlitzer Wehr. Nach der Rückkehr des Umzuges zum Niedersedlitzer Gasthof begaben sich die Festteilnehmer auf den festlich geschmückten Saal. Um ½ 8 Uhr begann das große Festkonzert, eröffnet mit einem Feuerwehrmarsch. Nach zahlreichen Ansprachen und Auszeichnungen schloss sich ein Ball an. Dank zahlreicher Sachspenden konnte die Feuerwehr eine Lotterie mit wertvollen Gewinnen veranstalten. Die Lose fanden reißenden Absatz, der Hauptgewinn war ein Fahrrad im Wert von 125 Mark. Erst in den Morgenstunden erreichte die Feier ihr Ende.
Wenige Jahre danach sah sich der Gemeinderat gezwungen, die Feuerwehr aufzulösen. Die Arbeit der Wehr war durch persönliche Streitereien und Auseinandersetzungen gestört. In einer Versammlung am 25. April 1906 wurde im Niedersedlitzer Ratskeller die, am Abend zuvor aufgelöste, Feuerwehr mit 20 Mitgliedern neu gegründet. Das Kommando als Hauptmann wurde dem Baumeister Robert Ifland übertragen. Bis 1908 wurde eine neue Satzung erarbeitet, die regelte, dass die Wahl des Kommandos nunmehr aller 5 Jahre erfolgt. Außerdem wurde festgelegt, dass passive Mitglieder zur Unterstützung der Wehr gegen Zahlung eines jährlichen Beitrages aufgenommen werden können. Diese passive Mitgliedschaft wurde erst mit der Eingemeindung nach Dresden abgeschafft.

Quelle: Hänsel, J. – Die Geschichte der Freiwilligen Feuerwehr zu Niedersedlitz von 1894 bis 2008, 2009

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