19141204... starb in Niedersedlitz der Metallurge und Hochschullehrer Julius Weeren.

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Am Morgen des 5. Dezember 1914 erschien der Fabrikbesitzer Heinrich Weeren auf dem Standesamt in Niedersedlitz und zeigt an, dass sein Vater, der Professor im Ruhestand und Geheime Regierungsrat Julius Weeren am Vorabend verstorben sei.
Julius Weeren war 4 Jahre zuvor von Berlin nach Niedersedlitz gezogen und wohnte seit dem auf der Bismarckstraße 5. Sein Sohn Heinrich Weeren betrieb hier seit mehr als einem Jahrzehnt als Nachfolger von Staeding & Meysel eine Armaturenfabrik und Metallgießerei auf der heutigen Saydaer Straße und wohnte in der Villa auf der heutigen Heidenauer Straße 4.

Julius Weeren wurde am 9. Januar 1832 in Hattingen a. d. Ruhr als Sohn des Apothekers Friedrich Weeren und dessen zweiter Ehefrau Amalie geb. Hoefken geboren. Sein Vater betrieb seit 1819 die, schon seit 1652 bestehende, Hattinger Löwen-Apotheke und hatte mit seiner ersten Frau Albertine geb. Cramer bereits 5 Kinder ehe er 1831 ein zweites Mal heiratete. Neben seinem 2. Sohn Julius ging noch eine weitere Tochter aus dieser Ehe hervor. Die Vorfahren von Julius Weeren lassen sich bis in das 15. Jahrhundert zu Diederich von Werne vom alten Kappenberge zurück verfolgen. Julius Weeren ging zunächst in Hattingen zur Schule und wechselte später auf das Gymnasium nach Dortmund. Schon während seiner Gymnasialzeit beschäftigte er sich mit privaten Studien auf dem Gebiet der beschreibenden Naturwissenschaften, der Mathematik, Geographie und Astronomie. Das industrielle Leben des Ruhrgebietes der damaligen Zeit und die unmittelbare Nähe der westfälischen Eisen- und Kohleindustrie prägten unmittelbar die Interessenlage des jungen Julius.
1850 begann er ein universitäres Studium der Medizin – nach eigenem Bekunden weniger aus Liebe zu diesem Wissenschaftsgebiet als in der Hoffnung, als Mediziner seine weitreichenden Weltreisepläne zu verwirklichen zu können. Auf der Universität Würzburg wandte er sich jedoch, angeregt durch die fesselnden Vorlesungen, zunehmend dem Studium der Chemie zu. 1851 wechselte er nach Berlin, arbeitete später in einem Laboratorium in Göttingen und promovierte schließlich 1854 in Bonn zum Thema „Einige Beiträge zur Kenntnis der Beryllerde". Gesundheitliche Probleme zwangen Julius Weeren in dieser Zeit zu einem einjährigen Aufenthalt im elterlichen Hause – die seine spätere Entwicklung entscheidend prägen sollte. Für seinen Vater war es als Besitzer der Hattinger Apotheke ein leichtes, seinem Sohn ein chemisches Labor einzurichten. In diesem beendete er zunächst seine Arbeiten zur Beryllerde und schloss diesen umfangreiche Studien über die Phosphorsäure an. In der Nähe von Hattingen wurde zu dieser Zeit ein großes Eisenhüttenwerk errichtet. Julius Weeren war einer der damals wenigen wissenschaftlich ausgebildeten Chemiker, die es verstanden Erz-, Kohle- und Hüttenprodukte zu untersuchen. Zudem im Besitz eines eigenen Labors und in unmittelbarer Nähe der chemischen Fabriken, der Hüttenwerke und Kohlegruben wohnend und an allen Neuerungen äußerst interessiert, fand Julius Weeren ein reiches Feld an wissenschaftlicher Betätigung als Chemiker. Zugleich hatte er reichlich Gelegenheit, auf dem Gebiet des Ingenieurwesens umfangreiche Erfahrungen zu sammeln.
1855 kehrte an die Universität Bonn zurück um dort zu habilitieren und eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Eine längere Krankheit zwang ihn zu einer wissenschaftlichen Pause. Zur Erholung ging er auf Reisen, um in Belgien und Frankreich die damals führende Eisen- und Kohleindustrie zu studieren. Um seine Ideen zur Verbesserung der Hüttenindustrie umzusetzen, beteiligte er sich an einer Gießerei- und Maschinenfabrik, die vorwiegend für Hütten- und Bergwerke tätig war. 1859 übernahm er das Werk in Witten a. d. Ruhr als alleiniger Inhaber. Die Führung eines großen Industrieunternehmens erforderte jedoch von ihm einen vollständigen Verzicht auf wissenschaftliche Arbeiten. Entgegen seinen Neigungen war er stattdessen überwiegend mit kaufmännischen Tätigkeiten beschäftigt. Deshalb nutzte er nach fast 20 Jahren die erstbeste Gelegenheit das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln und sich daraus zurückzuziehen. Im Herbst 1879 begann Julius Weeren zunächst als Privatdozent für Metallurgie und Hüttenkunde an der Kgl. Gewerbeakademie in Berlin. Umfassend wissenschaftlich ausgebildet, zugleich ausgestattet mit der praktischen Erfahrung aus langjähriger Tätigkeit in der Industrie und mit der Begabung, auch schwierige Sachverhalte in einfacher Form darzustellen, gelang es ihm bald den Unterricht erfolgreich zu gestalten. 1882 ging das Institut in der Technischen Hochschule auf, 1884 wurde er zum Professor berufen, 1886 folgte eine Anstellung als etatmäßiger Professor. Das ihm unterstellte Institut unterhielt ein Labor mit 60 Arbeitsplätzen. Dem Ruf Julius Weerens als ausgezeichneten Hochschullehrer folgend, studierten in Berlin zeitweise bis zu 200 Studenten auf dem Gebiet der Hüttenkunde. Im Studienjahr 1891/92 war er Dekan der Abteilung für Chemie und Hüttenkunde. Er unterrichtete an der Hochschule auf den verschiedenen Gebieten der Metallurgie, unterhielt täglich 9 Stunden lang ein Labor am Laufen und betreute Übungskurse in Konstruieren und Probierkunde. Seine Unterrichtstätigkeit umfasste Gebiete für die später bis zu 4 Professuren zuständig waren. Trotz dieser umfassenden Lehrtätigkeit bezog Julius Weeren ein Einkommen, das ihn veranlasste, Nebentätigkeiten aufzunehmen. 1879 begann er als Hilfsarbeiter im Handelsministerium und leitete dort später ein von ihm gegründetes Labor zur Untersuchung von Sprengstoffen. Außerdem war er von 1884 bis 1900 Mitglied im Kaiserlichen Patentamt. Oft beklagte er, dass all diese Tätigkeiten seine gesamte Arbeitskraft derartig in Anspruch nahmen, dass es ihm diese Umstände nicht ermöglichten in einem umfassenden Lehrbuch all seine wertvollen Erkenntnisse der Hüttenkunde darzulegen und der Nachwelt zu erhalten. 1905 beendete Julius Weeren im Alter von 73 Jahren seine Lehrtätigkeit. Im Dezember 1911 erhielt er die Ehrendoktorwürde der TH Berlin.

1910 zog er zu seinem ältesten Sohn Heinrich Weeren nach Niedersedlitz und verbrachte dort seine letzten Lebensjahre, nachdem seine Frau Emma bereits zuvor gestorben war. 1857 hatte Julius Weeren im Alter von 25 Jahren die 5 Jahre ältere Emma von Hadeln geheiratet. Bereits ein Jahr später kam sein ältester Sohn Heinrich zur Welt. Ihm folgten eine Tochter, ein totgeborenes Zwillingspärchen und zwei weitere Söhne.
Sein Sohn Heinrich Weeren heiratete Clara Henkel und führte seit der Jahrhundertwende in Niedersedlitz eine Armaturenfabrik und Eisengießerei. Im Dezember 1916 heiratete deren, 1892 in Dresden geborene Tochter Klara den dänischen Rittergutsbesitzer Karl Alexander Amon Amonsen. Im Februar 1917 heiratete eine weitere, die 1893 in Dresden geborene Tochter Dora den Geraer Ingenieur Rudolf Jahr. Am 9. Juni 1917 starb Heinrich Weeren, der älteste Sohn von Julius Weeren, nur 3 Jahre nach seinem Vater im Alter von 59 Jahren in Niedersedlitz. Seine Firma in Niedersedlitz führte zunächst seine Frau Clara Weeren weiter, bis sie Ende der 1920er Jahre von einem Heinrich Weeren übernommen wurde. Ob dieser Heinrich Weeren ein Sohn von Heinrich und Clara Weeren gewesen ist, ist nicht gesichert und kann nur vermutet werden. Er führte die Firma noch bis Kriegsende 1945. Während des 2. Weltkrieges war die Firma ein führender Rüstungslieferant. Sie stellte Armaturen für U-Boote und monatlich bis zu 500.000 Zünder für Granaten her. Heinrich Weeren wohnte zu dieser Zeit in der Villa auf der heutigen Sosaer Straße 6. Nach Kriegsende wurde er enteignet und die Firma 1946 als Reparationsleistung demontiert. Über den Verbleib von Heinrich Weeren ist nichts bekannt.
Die Apotheke des Vaters von Julius Weeren in Hattingen führte zunächst Julius' Halbbruder Friedrich und später dessen Nachkommen noch bis 1972 weiter. 2003 wurde sie, nach 351 Jahren, endgültig geschlossen.

Quelle: Bericht über die Kgl. Techn. Hochschule zu Berlin 1914/1915 - Nachruf für Julius Weeren

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