18950401... wurde in Niedersedlitz die Firma Höntsch & Co. gegründet.

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„Es war am 1. April 1895, morgens ¾ 6 Uhr, als ich mit einem Buchhalter in Niedersedlitz an der Scheune anlangte und die Tür zum Arbeitsbeginn öffnete. Ich nahm ein Brett, der Buchhalter schrieb „Höntsch & Co." darauf und nagelte es an die Scheunentür an – Firma und Fabrik waren eröffnet."
So schilderte der Gründer der Firma Georg Höntsch Jahre später in seinem Lebensbericht selbst, wie eine der bekanntesten Niedersedlitzer Firmen entstand und in den Folgejahren mit der Lieferung ihrer Erzeugnisse in alle Welt auch den Firmenstandort Niedersedlitz über alle Grenzen hinaus bekannt machte.
Georg Höntsch wurde am 1. Mai 1872 in Dresden geboren. Schon frühzeitig verstarb sein Vater, wenig später auch seine Mutter. So kamen er und seine Geschwister in ein Waisenhaus, wo er bereits als Kind nach Schulschluss bis zum Abend in einer Arbeitsanstalt sich seine Essensrationen erarbeiten musste. Im siebenten Lebensjahr wurde er von einfachen Schuhmacherleuten in Dohna aufgenommen. Diese besorgten auch Botendienste und das Austragen von Zeitungen zwischen Pirna und Dohna. Dafür hielten sie sich vier Waisenkinder. Bereits früh um ½ 5 Uhr mussten sie einen Handwagen nach Großsedlitz fahren und dann nach Dohna zurückkehren, um noch rechtzeitig zum Schulbeginn um 7 Uhr einzutreffen. Mittags nach Schulschluss fuhren sie dann mit dem Handwagen von Großsedlitz nach Pirna um die Pflegemutter mit ihren Paketen abzuholen. Bis in den späten Abend hinein waren sie dann anschließend damit beschäftigt, die Pakete und Zeitungen in der Umgebung zu verteilen. Im April 1886 endete seine Schulzeit in Dohna und Georg Höntsch begann eine Lehre bei einem Schlossermeister in Dresden. Auch hier begann die Arbeitszeit morgens 6 Uhr und endete abends 8 Uhr. Der Schlosser beschäftigte nur Lehrlinge, Gesellen konnte er sich nicht leisten, da größere Aufträge fehlten. Nach der Gesellenprüfung begab sich Georg Höntsch auf Wanderschaft in Richtung Hamburg, kehrte aber bereits 1892 nach Dresden zurück. Alsbald fand er Anstellung bei einer mittelsächsischen Fabrik für Zentralheizungs- und Gewächshausbau. Dort konstruierte er neue Zentralheizungskessel und reiste selbst durch Deutschland, um Geschäft und Umsatz anzukurbeln. Nach 2 ½ Jahren schied er jedoch im Streit um Entlohnung und Provisionen wieder aus der Firma aus.
Nach Dresden zurückgekehrt, entschloss sich Georg Höntsch - mit den Erfahrungen seiner letzten Anstellung – nun selbst eine kleine Fabrik für Gewächshausbau, Heizungsanlagen und Frühbeetfenster zu eröffnen. Der Entschluss war getroffen, aber sowohl Geld als auch eine geeignete Werkstatt fehlte. Georg Höntsch veröffentlichte einige Inserate um einige Räume als Eisen- und Holzbauwerkstatt in Dresden oder seinen Vororten zu mieten. Aus Niedersedlitz erhielt er das Angebot eine Scheune für 400 Mark jährlich zu mieten. Mangels besserer Angebote entschloss er sich für diese Scheune. Noch fehlten jedoch Betriebskapital, Werkzeug, Maschinen, Material. Zwar besaß Georg Höntsch Ersparnisse von 1.500 Mark, jedoch war ihm klar, dass diese nicht für alle Anschaffungen ausreichen würden – zumal er auch für eine Familie zu sorgen hatte. Im September 1894 hatte Georg Höntsch die Laubegasterin Martha Mickan geheiratet und in Blasewitz eine Wohnung gemietet. Also schrieb er wieder ein Inserat: „Ein tüchtiger Fachmann in einer Spezialbranche sucht sich selbständig zu machen und möchte dazu einen Geldmann mit einigen tausend Mark als tüchtigen Teilhaber aufnehmen." Ein Kaufmann, der zufälligerweise ein Kunde seines Lehrmeisters war und ihn somit schon von seiner Lehrzeit kannte, trat als Teilhaber mit 3.000 Mark in die zu gründende Firma ein.
Die Firma wurde „Höntsch & Co." getauft. Es war am 1. April 1895 morgens um ¾ 6 Uhr als Georg Höntsch an der Scheune in Niedersedlitz anlangte und ein Brett zur Hand nahm ...
Bald wurden ein Tischler, ein Schlosser und ein Arbeiter eingestellt, die zunächst damit beschäftigt waren, in der Scheune eine kleine Fabrik einzurichten. Der Buchhalter holte unterdessen Angebote über alle notwendigen Materialien ein. Maschinen und Werkzeuge wurden günstig und gebraucht beschafft. Noch jedoch fehlten Aufträge und Bekanntheit. Wieder setzte Georg Höntsch auf Inserate. Nach einigen kleineren Aufträgen, die ein geregeltes Arbeiten zuließen, erhielt die Firma schließlich den Auftrag für eine Gewächshausanlage in Dresden zum Preis von 5.000 Mark. Alsbald folgte ein weiterer Auftrag für 16.000 Mark. Die Werkstatt musste ständig erweitert werden, weitere Leute wurden eingestellt – schon bald waren über 30 Leute in der kleinen Werkstatt beschäftigt. Zunehmend stellten sich Schwierigkeiten ein – die alte Scheune war dem Betrieb der zahlreichen Arbeitsmaschinen nicht gewachsen, in der Nachbarschaft häuften sich Beschwerden über den Lärm der Motoren mitten im Niedersedlitzer Dorfkern, auch die räumlichen Verhältnisse waren unzureichend, inzwischen waren 100 Beschäftigte angestellt. Nach zweijährigem Bestehen musste die Arbeit in der Scheune eingestellt und eine neue Fabrik auf eigenem Gelände gebaut werden. Von einem Kunden wurden in Niedersedlitz 10.000 m² Land gekauft und darauf eine Fabrik 50 m lang und 20 m breit, ein Wohnhaus und ein Kantinengebäude gebaut. Mitte August 1897 zog Georg Höntsch mit 150 Mann Belegschaft in die neue Fabrik an der heutigen Niedersedlitzer Straße ein. Er war zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt und mit 80.000 Mark für den Fabrikneubau verschuldet.
Zu dieser Zeit war auch der Teilhaber aus der Firma ausgeschieden, Georg Höntsch war nun Alleininhaber der Firma. Die Firma wuchs weiter und 1918 erreichte die Belegschaft 1000 Mitarbeiter. Der Betrieb hatte ein vielfältiges Sortiment an Gewächshäusern und die patentierten Höntsch-Heizkessel bewährten sich auf der ganzen Welt. Im 1. Weltkrieg wurde die Produktion von Holzbaracken für das Heer aufgenommen. Diese Produktion wurde nach Kriegsende fortgeführt und durch den Bau von Fertighäusern aus Holz ergänzt. Zwischen 1926 und 1928 wurde beispielsweise in Prohlis eine Siedlung errichtet, die aus 50 Höntsch-Doppelhäusern bestand. Im Februar 1945 wurde die Siedlung jedoch durch einen Brand bis auf ein Haus vernichtet. Schon vor dem 1. Weltkrieg hatte die Firma Zweigwerke in Tetschen, Wien und Petersburg. Nach dem 1. Weltkrieg kamen weitere Werke in China, Jugoslawien, Polen, dem Baltikum und der Schweiz hinzu. Die Weltwirtschaftskrise und die Inflation in den 1920er Jahren brachte auch die Firma Höntsch & Co. in Schwierigkeiten. 1931 ging die Firma in Konkurs. Aus der Konkursmasse ging die „Höntsch-Werke AG" hervor und konnte die Geschäftstätigkeit wieder ausweiten. Finanzielle Ungereimtheiten und Geldknappheit führten jedoch dazu, dass Georg Höntsch von der Geschäftsleitung zurücktreten musste. Plötzlich hatte er nichts mehr in seiner Firma zu tun und zu sagen. Im Folgenden wurde er Devisenvergehen beschuldigt, verhaftet und saß 3 Monate im Gefängnis. Später wurde festgestellt, dass die Anklage zu Unrecht erfolgte. 1945 starb Georg Höntsch im Alter von 73 Jahren.
Nach dem 2. Weltkrieg firmierte die Fabrik als VEB Holz-, Stahl- und Glasbau (HoStaGlas) Dresden, wurde danach als VEB Metallleichtbaukombinat Werk Dresden weitergeführt und setzt heute als MBM Metallbau Dresden GmbH die 120jährige Geschichte fort.

 

Quelle: Georg Höntsch „Tat gestaltet – Lebensbericht eines Großindustriellen", Gustav Altenburg Verlag, Leipzig 1941
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