19400911... fiel der Niedersedlitzer Industrielle Paul Kauffmann dem Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten zum Opfer.

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Paul Kauffmann war der Sohn des Niedersedlitzer Industriellen und Gründers der chemischen Fabrik für Schamottewaren und Mosaikplatten in Niedersedlitz. Er wurde am 20. Januar 1878 in Niedersedlitz geboren und wuchs im Haus seiner Eltern – der sogenannten „Bärenvilla", die in Gleisschleife der Straßenbahn am Niedersedlitzer Bahnhof stand – auf. Nach dem Besuch der Niedersedlitzer Volksschule und des Gymnasiums in Dresden studierte Paul Kauffmann und promovierte zum Dr. phil. Er hatte einen Bruder und drei Schwestern. Bereits im Alter von 11 Jahren starb seine Mutter und als am 21. September 1900 auch sein Vater starb, stand er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Otto vor der Aufgabe das Lebenswerk seines Vaters fortzusetzen. Der Vater hatte seit 1871 in Niedersedlitz eine chemische Fabrik für Schamottewaren und Mosaikplatten aufgebaut und durch ständige Erweiterungen zu einer Firma von Weltruf geführt. Mit seinem Tod hinterließ er seinen beiden Söhnen ein technisch und kaufmännisch aufs Beste ausgestattetes Werk.
Kalenderblatt%2019400911 01In den ersten Jahren nach dem Tod des Firmengründers unterstütze der langjährige Mitarbeiter und Prokurist Otto Determann die unerfahrenen – 25 und 22 Jahre alten - Söhne Dr. Otto und Dr. Paul Kauffmann, führte sie in die Geschäftsleitung ein und stand ihnen als treuer Berater zur Seite. Mit dem Ausscheiden Otto Determanns aus der Firma im Jahre 1918 begann jedoch eine Zeit, die der spätere Betriebsführer anlässlich des 65jährigen Betriebsjubiläums 1936 als „unseligen Bruderkrieg" bezeichnet und in dessen Folge die Existenz der Hinterlassenschaft ihres Vaters nur noch an einem seidenen Faden hing.
Mit Beginn des Jahres 1925 wurde die bisherige Firma in eine Besitzgesellschaft gewandelt, die die gesamten Betriebsstätten an die neu gegründete Otto Kauffmann Vertriebsgesellschaft mbH verpachtete. Diese GmbH wurde von den beiden Söhnen des Firmengründers gemeinsam geführt. Nach dieser Teilung in Besitz- und Vertriebsgesellschaft erfolgte im August 1930 die Trennung der Brüder. Unter der Firma Otto Kauffmann Verwaltungsgesellschaft gab die Besitzgesellschaft die keramische Fabrik der Dr. Otto Kauffmann GmbH und die chemische Fabrik der Dr. Paul Kauffmann GmbH in Pacht. Bereits kurze Zeit später kam Dr. Otto Kauffmann in finanzielle Schwierigkeiten und stellte alle Zahlungen ein. Am 20.April 1932 wurde über sein Vermögen ein Konkursverfahren eröffnet und im Zusammenhang damit die keramische Fabrik stillgelegt. Durch den finanziellen Ruin seine Bruders sah sich Dr. Paul Kauffmann gewissermaßen zwangsläufig veranlasst, das betriebliche Anlagevermögen aus der Konkursmasse zu erwerben, um nun durch seine Dr. Paul Kauffmann GmbH die gesamte Betriebseinrichtung als Einheit nutzen zu können. Die Besitzgesellschaft wurde zu einer Kommanditgesellschaft, deren Komplementär Dr. Paul Kauffmann wurde und die Betriebsfirma der Dr. Paul Kauffmann GmbH umfasste nun sowohl die keramische Fabrik als auch die chemische Fabrik. Während die Wirtschaftlichkeit der chemischen Fabrik in den 1930er Jahren als gut eingeschätzt wird und einen geschätzten Gewinn von rund 50.000 RM abwirft, stehen bei der keramischen Fabrik Absatzprobleme im Vordergrund, die eine rentable Betriebsführung verhindern. Sie arbeitet mit Verlust, weil sie mangels verfügbarer Betriebsmittel nicht voll ausgenutzt werden kann, obwohl genügend Aufträge vorliegen. In beiden Betriebsteilen wurde eine planmäßige Senkung der Betriebskosten als unerlässlich angesehen.
Dr. Otto Kauffmann verließ nach seinem Konkurs Niedersedlitz und wohnte fortan im Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch. Er starb am 15. Mai 1941 und wurde im Kauffmannschen Familiengrab in Leuben beigesetzt.
Kalenderblatt%2019400911 02Am 27. August 1936 wurde der Gemeinderat von Niedersedlitz unterrichtet, dass Dr. Paul Kauffmann geisteskrank geworden, in einem Sanatorium untergebracht und verhandlungsunfähig sei. Durch das Amtsgericht Dresden wurde sein Neffe Dr. Hermann Kretzschmar, der Sohn von Paul Kauffmanns ältester Schwester Margarete, zum Pfleger und Vormund ernannt. Sowohl die Mitglieder der Familie Kauffmann, als auch die Firmenbelegschaft wünschten sich Dr. Kretzschmar als rechtlichen Vertreter, der in der Folgezeit auch als Betriebsführer die Geschäfte der Kauffmannschen Firma leitete. Am 5. Mai 1936 war Paul Kauffmann in die Landesheilanstalt Sonnenstein in Pirna eingewiesen worden, von wo aus er Ende 1937 mit der Diagnose Schizophrenie in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf, dem heutigen Sächsischen Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie, verlegt wurde.
Am 11. September 1940 wird Paul Kauffmann auf Anordnung des Reichsverteidigungs-Kommissars mit einem Sammeltransport in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein verlegt. Dort wurde seit Juni 1940 eine von sechs Tötungsanstalten in Deutschland betrieben, wo die Nationalsozialisten im Rahmen des Euthanasieprogramms T4 die systematische Ermordung von mehr als 70.000 Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung betrieben. In den 15 Monaten zwischen Juni 1940 und August 1941 wurden allein in der Tötungsanstalt Sonnenstein 13.720 Menschen in einer Gaskammer ermordet. Einer davon war Dr. Paul Kauffmann aus Niedersedlitz.
Kalenderblatt%2019400911 03Nach Ankunft des Sammeltransportes und Passieren des bewachten Eingangstores der Tötungsanstalt wurden die Opfer in einen Aufnahmeraum gebracht und zwei Ärzten vorgeführt. Anschließend wurden jeweils 20 bis 30 Menschen unter dem Vorwand, es ginge ins Bad, in den Keller und kurze Zeit später in die als Duschraum mit mehreren Brauseköpfen an der Decke hergerichtete Gaskammer geführt. Nach Schließung der Tür lies der Anstaltsarzt Kohlenmonoxid einströmen und beobachtete den Tötungsvorgang, der etwa 20 bis 30 Minuten dauerte. Anschließend wurden die Leichen verbrannt und deren Asche hinter dem Haus den Elbhang hinuntergeschüttet.
An Dr. Paul Kauffmann erinnert in Niedersedlitz heute noch seine einstige Villa an der Bahnhofstraße 25, die er 1912 von dem renommierten Architekten Max Kühne errichten ließ. Max Kühne führte damals gemeinsam mit seinem Schwiegervater William Lossow das bekannte Dresdner Architektenbüro, das u.a. das Schauspielhaus am Postplatz und die Bienertsche Hafenmühle, aber auch den Leipziger Hauptbahnhof und die Görlitzer Synagoge entwarf. Das Innere der Villa Kauffmann war reichhaltig mit Fliesen in allen nur denkbaren Facetten ausgestattet. Fussböden mit unterschiedlichen Fliesen, geflieste Wände, aber auch ein gefliester Kamin erinnern noch heute an das Unternehmertum des einstigen Bauherren und Besitzers. Ab 1945 war in dem Haus der sowjetische Kommandant des Sachsenwerkes untergebracht, danach waren es Wohnungen, eine Arztpraxis und eine Briefmarkenhandlung. Um das Jahr 2000 wurde das Haus denkmalgerecht saniert und beherbergt heute sieben Wohnungen und eine Gewerbeeinheit.

 

Quelle:
Wiederaufbauprogramm der Firma Otto Kauffmann Niedersedlitz, 1936
Vierzig Jahre Geschichte der Firma Otto Kauffmann, Chemische Fabrik, Schamottewaren- & Mosaikplatten-Fabrik Niedersedlitz, Ecksteins Biographischer Verlag, 1912
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