19030211
... wurde in Niedersedlitz ein jahrelanger Streit
zwischen dem Abenteuer-Schriftsteller Karl May
und dem Inhaber des Münchmeyer-Verlages Adalbert Fischer beendet.

© www.niedersedlitz-online.de, U.Clemens

Zwischen 1882 und 1887 schrieb Karl May fünf Kolportageromane - als Fortsetzungsreihe konzipierte Groschenromane - für H.G. Münchmeyer, dessen Verlag kurz vor dem Ruin stand. Die Romane erschienen anfangs anonym oder unter Pseudonym. Er vereinbarte mit Münchmeyer, dass an den Manuskripten kein Wort geändert werden dürfe und die Rechte nach einer Auflage von 20.000 Abonnenten wieder an ihn zurückfallen sollten. Anschließend trennten sich ihre Wege.
1899 erfuhr May während einer Orientreise, dass der Verlag verkauft worden sei und seine Romane weiter gedruckt wurden. H.G. Münchmeyer war 1892 verstorben und nachdem seine Witwe Pauline den Verlag zunächst selbst weiter führte, verkaufte sie ihn am 16. März 1899 samt aller Rechte für 175.000 Mark an den Buchhändler Adalbert Fischer. Karl May schaltete einen Rechtsanwalt ein, um den Vertrieb zu unterbinden. Fischer drohte hingegen mit einem Schadensersatzprozess, sollte er am Druck der fünf Romane gehindert werden. May konnte seine Abmachung mit Münchmeyer nicht beweisen, da diese entweder mündlich getroffen worden, oder die Unterlagen von Mays Ehefrau Emma – in Freundschaft zu Münchmeyers Witwe Pauline – vernichtet worden waren. Diese Streitigkeiten zogen sich über mehrere Jahre hinweg. Verschärft wurden sie durch Vorwürfe, die Romane seien unsittlich. May behauptete darauf, die anzüglichen Stellen seien erst später hinzugefügt worden. Da die Originalmanuskripte verloren gegangen waren, konnte er dies jedoch nicht beweisen.
Adalbert Fischer hatte unterdessen den Sitz des Münchmeyer-Verlages im Juni 1902 von Dresden nach Niedersedlitz auf die Nordstraße (heute Straße des 17.Juni) verlegt, zog auch privat nach Niedersedlitz und kaufte die Villa auf der Gartenstraße 4 (heute Lungkwitzer Straße).
Um 1890 hatte das Ehepaar May den Radebeuler Fabrikanten Richard Plöhn und dessen Frau kennengelernt, mit denen sie bald eine enge Freundschaft verband. Anfang 1901 verstarb Richard Plöhn. Seine Witwe Klara schloss sich den Mays noch enger an, lebte sogar einige Zeit in deren Villa Shatterhand und arbeitete als seine Sekretärin. Die Eheleute May entfremdeten sich indes zunehmend, während Mays Kontakt zu Klara Plöhn immer enger wurde. 1902 unternahmen sie zu dritt eine Reise nach Südtirol. Dort zerstritten sich Emma und Karl May endgültig. Klara Plöhn und Karl May kehrten allein nach Radebeul zurück, wo May umgehend die Scheidung einreichte. Im Januar 1903 wurde die Ehe von Emma und Karl May geschieden.
Klara Plöhn besaß einige Häuser in Dresden, die sie gegen ein ihr angebotenes Landgrundstück in Niedersedlitz verkaufen wollte. Sie bat Karl May, sie bei der Besichtigung dieses Grundstücks zu begleiten.
Karl May informierte Adalbert Fischer über diese Absicht und der lud ihn in seine Privatwohnung ein. Am 9. Februar 1903 kam es zu dieser Begegnung in Niedersedlitz und es begann eine Verhandlung, welche am nächsten Tage zu einem Vergleich führte. In einem Kompromiss räumte Karl May ein, dass Fischer die Rechte in gutem Glauben erworben habe, Adalbert Fischer erklärte im Gegenzug, dass alle eventuell unsittlichen Stellen von dritter Seite früher eingefügt worden sind. Der weitere Vertrieb der Romane wurde daraufhin gestattet – mit der Auflage, dass alle zweifelhaften Passagen zu entfernen sind.
Am 11. Februar 1903 beurkundete diesen Vergleich der Rechtsanwalt Horst Trummler, königlich sächsischer Notar in Niedersedlitz. Dieser hatte sich 1899 eine Villa in Niedersedlitz an der Schulstraße 6 (heute Sosaer Straße) bauen lassen, wo er nun wohnte und seine Amtsgeschäfte führte. Heute ist das Gebäude Heimstatt der Kita „Villa Naseweis“.
Die Einigung wurde durch ein neues Buchprojekt besiegelt. Es wurde vereinbart, dass Fischer zwei Bände „Erzgebirgische Dorfgeschichten“ als Karl Mays Erstlingswerke veröffentlichen darf. Er gründete eigens dafür am 15. Mai 1903 seinen „Belletristischen Verlag, Dresden-Niedersedlitz“, in dem der Band 1 dann auch erschien. Außerdem zog Karl May am 4. Mai 1903 seine Klage gegen Adalbert Fischer zurück. Ein zweiter Band des Buchprojekts ist nie erschienen, möglicherweise kam die weitere Entwicklung den Plänen zuvor.
Ob Karl May während dieser Tage auch in Niedersedlitz nächtigte – möglicherweise im Gasthof Niedersedlitz (dem späteren Gasthof „Zum Goldenen Löwen“), darüber lässt sich nur spekulieren. Klara Plöhn jedoch kaufte das Grundstück in Niedersedlitz nie, stattdessen heirateten sie und Karl May bereits am 30. März 1903.
Adalbert Fischer starb überraschend am 7. April 1907. Er hinterließ eine Witwe und vier Kinder. Mit ihnen schloss Karl May am 8. Oktober 1907 einen weiteren Vergleich, der besagte, dass er alle Autorenrechte an den 5 Romanen habe, diese aber nur unter Pseudonym erscheinen dürfen. Für die Nutzungsrechte erhielt May eine Abfindung, Restbestände und die „Erzgebirgischen Dorfgeschichten“ durften noch bis 1910 verkauft werden.
Acht Tage später, am 16. Oktober 1907 starb auch die Witwe Elisabeth Fischer. Den Verlag führte nun Arthur Schubert, ein Schwiegersohn Adalbert Fischers weiter.

Das ehemalige Verlagsgebäude in Niedersedlitz wurde im letzten Jahr unbeachtet dem Erdboden gleichgemacht.

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