19530617
... war Niedersedlitz ein Zentrum der Dresdner Proteste während des Volksaufstandes in der DDR.

© www.niedersedlitz-online.de, U.Clemens

Am Morgen waren sie wieder da, die 30 SED-Genossen. Im Rahmen einer Exkursion der Betriebsparteischule des Sachsenwerkes waren sie am Vortag in Berlin und besuchten dort die Prachtallee der DDR. Auf der Stalinallee wollten sie die Arbeitsmethoden der Bauarbeiter beobachten und sich daran ein Beispiel nehmen. Stattdessen erlebten sie Streiks und Demonstrationen gegen eine im Mai beschlossene Normerhöhung und gegen die Regierung.
Nun standen die Genossen in ihren Brigaden und berichteten von den erstaunlichen Erlebnissen in der Hauptstadt. Schnell reagierte der Parteisekretär des Sachsenwerkes Manfred Leuteritz und sprach um 8.30 Uhr über den Betriebsfunk. Er versuchte zu beschwichtigen, räumte Überspitzungen in der Normenfrage ein, verteidigte jedoch die Parteilinie und forderte die Normenerhöhungen auf freiwilliger Basis durchzuführen. Die Arbeiter aber, von dessen Ausführungen verärgert und den Meldungen aus Berlin ermuntert, begannen gegen 9.30 Uhr die Arbeit niederzulegen.
Die SAG Sachsenwerk war damals der größte Industriebetrieb Dresdens, allein in Niedersedlitz gab es 5500 Beschäftigte. Hinzu kamen Bauarbeiter der Dresdner Bauunion, die gerade eine neue Werkhalle errichteten.
Bei einer spontanen Versammlung von ca. 2000 Mitarbeitern ging es zunächst chaotisch zu. Die einen forderten Aufklärung über die Vorgänge in Berlin, andere verlangten die Herabsetzung der Normen, weitere riefen zum Sturz der Regierung auf. Der 2. Vorsitzende der BGL und der 1. Sekretär versuchten die Regierungsmaßnahmen zu erklären, wurden jedoch durch Zurufe und Gejohle unterbrochen. Der Werkleiter Heinz Noack schlug vor, einen Regierungsvertreter ins Werk zu bitten.
Ein Teil der Versammelten gab sich damit zufrieden und ging wieder in die Werkstätten, andere blieben jedoch auf dem Hof. Mit dem Ruf „Wir marschieren!“ setzten sich gegen 10 Uhr diese ca. 1000 Arbeiter in Bewegung zum anderthalb Kilometer entfernten Sächsischen Brücken- und Stahlhochbau - damals ABUS genannt - und forderten die dortigen 1500 Mitarbeiter auf, sich ihren Protest anzuschließen. Die Mehrheit dort wollte jedoch erst noch eine eilig einberufene Belegschaftsversammlung abwarten. Nachdem da die Funktionäre von Partei und Betriebsleitung ausgebuht wurden, schlug die Stimmung schlagartig um, als der kaufmännische Angestellte Wilhelm Grothaus das Podium betrat. Er forderte den Rücktritt der Regierung, freie und geheime Wahlen, die Freilassung politischer Gefangener, die Senkung der HO-Preise und die Verbesserung sozialer Leistungen. Die Zuhörer stimmten ihm zu und Grothaus schlug die Wahl einer Streikleitung vor. Unter den 10 gewählten Mitgliedern waren auch 3 SED-Mitglieder und 3 Gewerkschaftsfunktionäre. Grothaus, selbst Mitglied der SED, wurde zum Vorsitzenden gewählt.

Dabei war Wilhelm Grothaus keinesfalls der antikommunistische Konterrevolutionär. 1932 trat er in die KPD ein und arbeitete im illegalen Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur. Seit 1934 wohnte er in Dresden. Im März 1944 wurde er als Mitglied der Widerstandgruppe um Georg Schumann verhaftet, während des Luftangriffs auf Dresden gelang ihm jedoch die Flucht aus dem Gefängnis. Nach der Befreiung setzte die SED Wilhelm Grothaus zunächst als Stadtkämmerer und Leiter des Personalamtes der Stadt Dresden ein. Aus politischen Gründen wird der unbequeme Grothaus dort 1950 jedoch entlassen und in die Firma ABUS nach Niedersedlitz zwangsversetzt.
Nach der Niederschlagung des Volksaufstandes wurde er noch in der Nacht zum 18. Juni verhaftet und am 23. Juli 1953 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Begnadigung 1960 verließ er, tief enttäuscht, die DDR und lebte bis zu seinem Tod 1966 in Herten/Westfalen.

In Niedersedlitz verbreitete sich unterdessen die Information, in der Dresdner Innenstadt solle eine Demonstration stattfinden. In der ABUS beschloss man, die Arbeit niederzulegen und in die Innenstadt zu marschieren. Die gesamte Frühschicht, ca. 1000 Mitarbeiter zogen los, als die Meldung eintraf, im Sachsenwerk werde in Kürze ein hochrangiger Regierungsvertreter sprechen. Also ging man zunächst dort hin. Aus mehreren Betrieben der Umgebung versammelten sich rund 5000 Arbeiter und Angestellte im Sachsenwerk. Es hatte sich herumgesprochen, dass um 14 Uhr Otto Buchwitz, Mitglied im SED-Zentralkomitee, sprechen würde. Otto Buchwitz, ein alter Sozialdemokrat, seit 1898 in den SPD, von den Nazionalsozialisten eingesperrt und seit 1946 Mitglied der SED, versuchte die Teilnehmer der Kundgebung zu beschwichtigen. Langatmig erläuterte er die weltpolitische Lage und versuchte die Versammelten zu überreden, die Arbeit wieder aufzunehmen. Seine Ansprache verfehlte aber die gewünschte Wirkung, es entstand ein solcher Tumult, dass von seinen Worten kaum etwas zu verstehen war und Buchwitz seine Rede abbrechen musste. Die Menge pfiff, johlte und gröhlte – als Wilhelm Grothaus das Mikrofon ergriff. Die meisten Zuhörer kannten ihn nicht, erkannten jedoch schnell, dass er einer von ihnen war. Grothaus berichtete von den Ereignissen bei ABUS. Nach deren Vorbild bildeten auch die Sachsenwerker eine Streikleitung. Im Anschluss formierte sich ein Demonstrationszug. Mit eilig zusammengebastelten Transparenten und Rufen wie „Von Ulbricht, Pieck und Grotewohl haben wir die Nase voll“ zogen die Menschen in die Dresdner Innenstadt. Der Protestzug löste sich erst im Zentrum auf, weil die Rote Armee inzwischen bereits wichtige Plätze und Gebäude besetzt hatte.
Noch in der folgenden Nacht wurden Wilhelm Grothaus und weitere Mitglieder der Streikleitung verhaftet. In seinem Schlusswort während der späteren Verhandlung vor dem Bezirksgericht Dresden sagte er: „Es ist vielleicht ein merkwürdiger Zufall, aber die Verhandlung gegen uns hier heute findet genau in demselben Saal statt, in dem seinerzeit die Verhandlung gegen die Widerstandgruppe um Georg Schumann stattgefunden hat. Und ich weiß auch das, was Sie nicht wissen, nämlich die letzten Worte, die Schumann hier gesprochen hat: «Es wird einige Zeit vergehen, und dann werden Sie an der Stelle sitzen, wo wir heute sitzen. Und das Volk wird Sie richten …»“

Kalenderblatt%2019530617Heute erinnert eine Gedenktafel am ehemaligen Haupteingang zum Sachsenwerk an die damaligen Ereignisse und 2003 wurde die Straße davor in „Straße des 17.Juni“ umbenannt.

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