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Nach wie vor auf großes Interesse stößt das Schicksal einer der größten Industrieruinen in Niedersedlitz. Zwischen Eisenbahnstecke und Straße des 17. Juni fristet die ehemalige Malzfabrik Niedersedlitz seit Jahrzehnten ein trauriges Dasein. Vor einiger Zeit machten Pläne einer Böblinger Immobilienfirma mit viel Erfahrung bei der Sanierung verfallener Bauten in Dresden für den Gebäudekomplex die Runde. Das öffentliche Interesse war so groß, dass die Firma die Öffentlichkeitsarbeit vorerst wieder einstellen musste. Auch bei den Liebhabern von sogenannten „Lost places“ ist die Ruine immer wieder Anziehungspunkt für nicht ungefährliche Entdeckertouren.
Gegründet wurde die Niedersedlitzer Malzfabrik einst durch die Gebrüder Pick.
Einer, der das Geschick und die Entwicklung der Niedersedlitzer Firma über viele Jahre mitbestimmte, war Josef Pick. Dessen Grab findet sich heute auf dem Urnenhain des Tolkewitzer Friedhofes.
Josef Pick wurde am 3. Dezember 1854 in Liebeschitz unweit von Leitmeritz, dem heutigen Litomerice, in Böhmen geboren. Er war das älteste Kind seiner Eltern Adolf Pick und Antonia geb. Grundfest. Er hatte 2 jüngere Brüder, Carl und Franz, sowie 2 Schwestern.

Das Handwerk des Mälzens und Brauens hatte über Generationen Tradition in der Familie Pick. Josefs Vater Adolf war sein Leben lang Bierbrauer und Mälzer, dessen Vater war Pächter der Melniker Brauerei, betrieb Handel mit Gerste und Hopfen und versorgte andere Brauer mit dem Überschuss aus seiner Mälzerei und auch dessen Vater hatte in gleicher Weise gewirtschaftet. Als Josefs Vater Adolf 1853 heiratete betrieb er mit seinem älteren Bruder Moritz ein kleines Brauhaus in Liebeschitz. Zum Ende des Jahrzehnts waren die beiden Brüder Besitzer der Brauerei Theresienstadt, alsbald pachtete sie das Brauhaus Leitmeritz dazu. Das Leitmeritzer Brauhaus hatte eine große Mälzerei, von der aus benachbarte Unternehmen beliefert wurden. Der Malzhandel wurde nach Deutschland ausgedehnt. Der Malz- und Braugerstenexport auf der Elbe nach Deutschland nahm zu, in Aussig wurde eine Mühle erworben und zur Malzfabrik umgebaut. 1867 verlegte Moritz Pick seinen Sitz nach Dresden und eröffnete dort die Firma Brüder Pick Dresden. Die Niederlassung befand sich am Beginn der Prager Straße unweit des heutigen Hauptbahnhofes. Josefs Vater Adolf betreute weiterhin die böhmischen Niederlassungen. 1873 folgte er seinem Bruder nach Dresden, das Brauhaus Theresienstadt und die Malzfabrik Aussig wurden veräußert. In Dresden wurden Mälzungsstätten durch Pachtverträge mit ansässigen Brauereien gesichert. Die Firma der Gebrüder Pick war ein führender Exporteur von Braugerste und Malz von Österreich nach Deutschland geworden. 1888 wurde ein großes Gelände entlang der Eisenbahn im dem 9 km von Dresden entfernten Niedersedlitz erworben und dort die größte Malzfabrik Deutschlands erbaut. Kurze Zeit später zog sich Adolf Pick aus dem Geschäftsleben zurück, sein Bruder Moritz war bereits Jahre zuvor verstorben. Das Schicksal der Firma lag von nun an in den Händen seiner drei Söhne, der Gebrüder Josef, Carl und Franz Pick.
Josef verbrachte seine Kindheit erst in Liebeschitz, später im Haus seiner Eltern in Leitmeritz. Nach der Grundschule wurde er, ebenso wie seine Brüder, von seinem Vater auf die Handelsakademie - eine Art Oberschule mit Schwerpunkt auf Handelslehre, Literatur und Fremdsprachen - nach Prag geschickt. Daraus erwuchs seine lebenslange Begeisterung für Literatur und das Französische. Mit 18 Jahren kam er als Volontär in einem Frankfurter Privatbankhaus unter. Danach leistete er seinen Militärdienst im 42. k.u.k. Infanterieregiment und trat dann in die Firma Gebrüder Pick ein. Aus seiner soldatischen Passion entwickelte er eine Selbstdisziplin, die sein Privatleben rückhaltlos seinem beruflichen Pflichten unterordnete. Von seiner Mutter hatte er die Zuverlässigkeit und Geradlinigkeit, von seinem Vater die Lebensfreude und berufliche Hingabe. Josef war von unbändigem Temperament, was ihm den Spitznamen „Josef die Naturgewalt“ einbrachte und von unendlicher Güte und Hilfsbereitschaft. Als Josef gestorben war, kam ein Bekannter auf dessen Sohn zu und sagte unter Tränen „Nicht einmal Sie wissen, wie gut er war“.
1887, im Alter von 32 Jahren, heiratete Josef die schöne Julia Winter. Auch sie entstammte einer Brauerfamilie. Ihr Vater betrieb eine Brauerei in Mähren. Die Winters waren eine ungewöhnlich musikalische Familie. Von früh bis abends wurde musiziert, zwei Flügel standen im Haus der Winters und sie reichten kaum aus, der Passion aller Familienmitglieder zu genügen. Voller künstlerischer Ideale kam sie nach Dresden – in eine Familie, der Musik und Kunst nicht mehr bedeutete als eine angemessene Erscheinung im Leben einer unternehmerischen Oberschicht. Voller Winterscher Noblesse und großer Schönheit nannte man sie in Dresden „die schöne Frau Pick“. Auch als Mutter und Ehefrau lebte sie ihr Leben voll Musik und Streben nach höheren Dingen. Als Tochter eines Industriellen waren berufliche Geltung und Erfolg für sie eine Selbstverständlichkeit. Julia war eine vorzügliche Beethoven- und Chopin-Interpretin. Mit ihren Kindern spielte sie Violine, sang Volkslieder, besuchte Konzerte, Museen und Ausstellungen. Zum Freundeskreis der Familie gehörten der Dichter Franz von Schönthan, der Schriftsteller Paul Lindau, gefeierte Dirigenten und der Generalmusikdirektor der Dresdner Oper Ernst von Schuch. Im Winter liebte es Julia Pick Schlittschuh zu laufen und als Ende des 19. Jahrhunderts Fahrräder aus Amerika in Mode kamen, war sie eine der Ersten, die damit durch den Großen Garten radelte.
Der Kern der betrieblichen Unternehmungen der Firma Gebrüder Pick befand sich seit 1889 in Niedersedlitz in der dort errichteten Malzfabrik. Anfangs noch vom Vater Adolf gegründet, übernahmen alsbald seine drei Söhne Josef, Carl und Franz das Ruder. 1910 rief der sterbende Vater seine Söhne zu sich und gab jedem einen Ast und fragte, ob sie die Äste zerbrechen können – was ohne weiteres geschah. Dann nahm er 3 weitere Äste und band sie zusammen – und keiner seiner Söhne konnte das Bündel zerbrechen. So, sagte der Vater, wird es euch ergehen. Einzeln seid ihr in Gefahr zu scheitern, gemeinsam seid ihr stark. Diese Begebenheit prägte die Überzeugung der Pick‘schen Unternehmung. Durch Dick und Dünn marschierte Josef gemeinsam mit seinen Brüdern durch sein berufliches Dasein, trotz mancher interner Schwierigkeiten. Der Außenwelt gegenüber waren die drei Brüder eine wohl organisierte Einheit.
Josef Pick war der innere Organisator der Firma. Mit großer Fachkenntnis gehörte sein Herz und sein Wissen der Fabrikation. Es gab keinen Ziegel, keine Maschine und keine Apparatur in der Niedersedlitzer Fabrik, die er nicht in Planung und Aufbau von der ersten Zeichnung an durchdacht hätte. Er ließ es sich nicht nehmen, jeden Morgen, gemeinsam mit dem Betriebsleiter, eine Stunde lang den einen oder anderen Teil der Fabrik zu besuchen. Sein Bruder Carl hatte weniger tiefe Kenntnisse der Fabrikation. Seine Haupttätigkeit lag in der Organisation und persönlichen Pflege des Kundenkreises. Er war Vorsitzender des Bundes Deutscher Malzfabriken, Direktoriumsmitglied des Deutschen Brauerbundes und Mitglied vieler anderer Vereine und Ausschüsse. Aufgabe von Franz, dem dritte Bruder im Bunde, war der Einkauf und die Pflege der Dresdner Kunden.
Um die Zeit des 1. Weltkrieges ging die Leitung der Niedersedlitzer Malzfabrik auf die nächste Generation über. Die beiden Söhne von Josef Pick, der Sohn von Franz Pick und ein Schwiegersohn von Carl Pick übernahmen im zunehmenden Maße die Verantwortung für das Pick‘sche Familienunternehmen.
Im Alter von 70 Jahren starb Josef Pick am 27. Dezember 1924 an einer Lungenkrankheit. Seine Witwe Julia Pick bewohnte vorerst weiter die Familienvilla in der Dresdner Südvorstadt. In ihrem letzten Lebensabschnitt erlangte sie, die zeitlebens kulturell und musisch Interessierte, unfreiwillig und auf tragische Art noch Eingang in die Literaturgeschichte. Obwohl längst zum christlichen Glauben übergetreten, waren die Pick’schen Familien in der Zeit des Nationalsozialismus der Judenverfolgung ausgesetzt. Und so wurde sie 1942 in ein sogenanntes Judenhaus auf der Caspar-David-Friedrich-Straße eingewiesen. Dort lebte zur gleichen Zeit der Schriftsteller Victor Klemperer. Neben seinem Werk „LTI“, in dem er die Sprache des Dritten Reiches analysierte, sind seine auch Tagebücher berühmt geworden. Dort beschreibt er am 13. Februar 1942 seine erste Begegnung mit Julia Pick:
„Gestern mit Frau Ida Kreidl ihre neue Mieterin bei uns, Frau Pick, Dame (wirkliche Dame) von 76, ehedem millionenschwer (irgendeine sehr große Malzfabrik), jetzt verarmt, Familie im Ausland. Ungemein rüstig, lebensfroh (stark österreichisch), dabei ein ebenso herzliches wie würdiges Betragen.“
Immer wieder sind die Bewohner des Judenhauses Repressalien von Schlägertrupps ausgesetzt, so auch Julia Pick, was Victor Klemperer wie folgt beschreibt:
„Zu Frau Pick unter Ohrfeigen: Hast du Kinder? Und außer, dass du diese Miststücke in die Welt gesetzt hast, hast du nie gearbeitet? Und sie wurde über und über bespuckt und beschmiert.“
„Die Katastrophe also entlud sich über Frau Pick, die Siebenundsiebzigjährige. Sie ist wieder furchtbar geschlagen und gestoßen worden. Dein Mann hat die Malzfabrik gehabt? Der Blutsauger! Dein Wurf ist im Ausland und hetzt gegen uns, aber dich haben wir, und du kommst uns nicht davon“.
Im Juni versuchte Julia Pick erstmals mit Medikamenten Selbstmord zu begehen, was jedoch nicht gelang. Hin und wieder bekam sie Besuch von ihrer Nichte, der Tochter von Carl Pick, deren Ehemann die Leitung der Niedersedlitzer Malzfabrik einst mit übernommen hatte. Als linientreuer Arier versagte er jedoch seiner Frau den Umgang mit ihrer Tante. Als Julia Pick im August 1942 wiederholt eine Vorladung und die Androhung zum Transport in ein Konzentrationslager erhält, nimmt sie sich das Leben. Im Tagebuch von Victor Klemperer dazu am 20. August:
„Frau Pick hat zum zweitenmal, und diesmal mit Erfolg, Selbstmord verübt. Veronal. Angst vor Gestapomißhandlung beim Abtransport, vielleicht auch Angst vor dem unbekannten Theresienstadt. Sie war in den letzten Tagen überlebhaft, führte abends fast allein das Wort.“
„Mit vollkommener Ruhe muss Frau Pick den Selbstmord verübt haben. Ein Abschiedsschreiben auf ihrem Tisch ist mit ruhigster Schrift und stilistisch gefeilt abgefasst.“

Quelle:
Meine Familie – Eine biographische Skizze, Hans Pick, 1960
Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten – Tagebücher 1942, Victor Klemperer, Aufbau-Verlag, 2006

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